29.01.2026

Racing de Montevideo: Ein neuer Stern im Süden

Racing de Montevideo: Ein neuer Stern im Süden

Wer in der Weltspitze mithalten und vernünftig wirtschaften will, muss Top-Talente möglichst früh entdecken. Deshalb ist der FC Bayern gemeinsam mit dem Los Angeles FC eine Kooperation mit dem uruguayischen Erstligisten Racing de Montevideo eingegangen.

Zwei Männer, Anfang 70, stehen auf der neuen Holzveranda des Vereinsgebäudes von Racing Club de Montevideo. Seit sechs Jahrzehnten sind Juan Boix und Daniel Villero befreundet. „Wir sind hier groß geworden“, erzählt Villero. „Wir kannten den Sohn vom Platzwart und haben als Kinder immer auf dem Vereinsgelände gekickt.“ Boix spielte später für die erste Mannschaft, wechselte als Profi ins Ausland und kehrte als Funktionär zum Verein in den Stadtteil Sayago zurück.

„Rassing“, wie man den Clubnamen hier auf Spanisch ausspricht, ist ihr Leben. Der Ball rollt gerade nicht. Und doch bedeutet er alles. „Andere Länder haben ihre Geschichte“, sagte der legendäre Trainer Ondino Viera einmal, „Uruguay hat seinen Fußball.“ Racing de Montevideo ist einer von 13 Erstligisten in der Hauptstadt Uruguays. In der abgelaufenen Saison qualifizierte man sich zum dritten Mal in Folge für die Copa Sudamericana, das südamerikanische Pendant zur Europa League. Der Club hat 2.000 Mitglieder, ins Stadion Parque Osvaldo Roberto passen 5.000 Zuschauer. Im Land am Río de la Plata, dem 
„Silberfluss“, leben nur dreieinhalb Millionen Menschen. Alles ist hier, im Südosten Südamerikas, ein bisschen kleiner.

„Wir sind ein Club de Barrio“, sagt Rentner Villero auf der Holzveranda des Clubheims. Ein „Stadtviertelverein“ also, ein Club mit langer Geschichte, lokaler Verwurzelung und treuer Anhängerschaft. Und dieser Traditionsclub befindet sich nun auf einer Reise in eine aufregende Zukunft. Ende 2023 wurde Racing mehrheitlich von Red&Gold Football erworben, einem Joint Venture, um das globale Scouting und die Talentförderung des FC Bayern und des Los Angeles FC zu optimieren. 2025 allein flog Red&Gold-Geschäftsführer Jochen Sauer viermal nach Uruguay. Es sei wichtig, sich regelmäßig mit den Verantwortlichen von Racing abzusprechen: „Uruguay hat eine einzigartige Fußballtradition: Geprägt von Technik und Siegeswillen, Disziplin und Kreativität.“ Den Ausbau des neuen Ausbildungszentrums in Montevideo begleitet Sauer im Detail, das R&G-Know-how soll Racing weiterhelfen.

Uruguay hat eine einzigartige Fußballtradition: Geprägt von Technik und Siegeswillen, Disziplin und Kreativität.

Jochen Sauer Geschäftsführer Red&Gold Football

Die Bierbrauer legen los

1919 wurde Racing Club de Montevideo gegründet. Und eine Allianz mit dem FC Bayern stand offenbar damals schon in den Sternen. Unweit des ersten Sportplatzes gab es den Park Múnich, außerdem gegenüber eine Brauerei, weshalb Racing im uruguayischen Fußball bis heute den Spitznamen „die Bierbrauer“ (cerveceros) trägt. Im Clubhaus setzt sich Vereinspräsident Washington Lizandro zwischen den Tresen und den meterlangen Grill für die legendären Grillfeste. Er selbst stammt aus dem Viertel Sayago und erzählt stolz von zwei Weltmeistern aus Racing‘s Reihen, die bei den Titelgewinnen Uruguays 1930 und 1950 dabei waren, von den erfolgreichen 60er Jahren, einer Vizemeisterschaft 2014 und den spannenden Nächten der Copa Sudamericana aus den vergangenen zwei Jahren.

Aber der 63-Jährige hat auch einen Blick für die finanziellen Realitäten. Und die waren für „die Bierbrauer“ nie einfach. In Uruguay können nur die beiden dominierenden Vereine Peñarol und Nacional gut dotierte Fernseh- und Werbeverträge erzielen. Für die anderen Vereine ist der Markt zu klein und der Ligabetrieb ein Verlustgeschäft. Auch deshalb sind Ausbildung und Verkauf von Spielern ins Ausland ein Teil des Geschäftsmodells. Ein anderer Spitzname für Racing lautet La Escuelita – „die kleine Schule“ – auch weil man als einer von wenigen Clubs ein Internat für Jugendspieler führt.

Im Jahr 2021 wurde bei Racing die Männerfußballsparte in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert – wie es der FC Bayern 20 Jahre zuvor gemacht hatte. Entstanden ist eine „Aktiengesellschaft des sportlichen Rechts“ – auf Spanisch Sociedad Anónima Deportiva: SAD. „Zweifellos der Weg, um weiter zu funktionieren“, meint Präsident Lizandro heute. Die SAD von Racing wurde zunächst von einem Konsortium aus Argentinien um Fernando Cavenaghi, einem ehemaligen Top-Stürmer von River Plate, geführt. Seitdem wurde ein Trainingsgelände außerhalb der Stadt gekauft, neue Experten für Sportmedizin und Jugendarbeit eingestellt, für die Junioren eine Psychologin, ein Englischlehrer und ein Ernährungsberater engagiert.

Der Stammverein profitiert von Spielerverkäufen der SAD und Teilnahmen an internationalen Wettbewerben. Das Clubgelände erscheint gepflegt und lebendig. Alles ist frisch gestrichen, es gibt einen neuen kleinen Kunstrasenplatz. Präsident Lizandro ist glücklich. Erst recht mit dem Einstieg von Red&Gold Football und dem Engagement des FC Bayern und des LAFC: „Wir hätten auch andere Partner erwischen können. Leute, die nicht aus dem Fußball kommen. Aber das sind dann reine Finanzgeschäfte. Die haben nicht das Verständnis, die Leidenschaft für den Fußball.“ 

Kleine Allianz für große Ziele

Leidenschaft für Fußball hat auch Jochen Sauer, der fast alle Spiele von Racing via Streaming verfolgt, wie er beim Spaziergang über den Trainingsplatz erzählt. Ein Fußballfan und -fachmann durch und durch: „Wenn es wegen der Zeitverschiebung nicht mitten in der Nacht ist …“. Gerade auf die jungen Spieler hat Sauer ein Auge, freut sich, wenn sie Einsatzzeiten bekommen oder, wie Außenspieler Yuri Oyarzo, in der Nationalmannschaft als Trainingsgast dabei sind.

Fußball in Uruguay, das sind zwei Welten: Der Rasen im kleinen Stadion von Racing hatte bis vor Kurzem von Tor zu Tor einen Höhenunterschied von 1,30 Metern. Und in einer Umkleide steht noch immer ein Holzofen. Gleichzeitig wurde das kleine Land 2023 U20-Weltmeister. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl exportiert laut einer FIFA-Studie kein anderes Land so viele Fußballer. „Wahnsinn“, findet Sauer. „Und in Montevideo kann man aufgrund der kurzen Wege auch mal an einem Wochenende acht Spiele sehen.“ Ein toller Ort für alle Fußballverrückten. Und perfekt, um Talente zu beobachten.  

Der FC Bayern und LAFC haben zwar ein hervorragendes Netz an Talentspähern, aber es macht Sinn, punktuell Partnerschaften einzugehen, um in Afrika, Asien und vor allem Nord- und Südamerika näher am Geschehen zu sein. „Die ganze Welt des Fußballs aus München über ein Scoutingnetzwerk überblicken zu können, wäre vermessen“, sagt Jochen Sauer.

Uruguays einmalige Talentschmiede

Eine Besonderheit des uruguayischen Fußballs ist der ausgetüftelte Spielbetrieb für Kinder zwischen vier und 13 Jahren. Es gibt die Organización Nacional de Fútbol 
Infantil, ONFI genannt – ein eigenständiger Verband für Kinderfußball. Während der DFB empfiehlt, „unnötigen Leistungsdruck“ zu vermeiden, spielt man in Uruguay nicht nur Absteiger und Meister aus, sondern die Kinderteams qualifizieren sich auch für Stadt- und Regionalmeisterschaften. „Das prägt eine bestimmte Mentalität, einen Siegeswillen von klein auf“, sagt Sauer. Fast jedes Kind im Land spielt irgendwann mal im „Baby Fútbol“, wie der Kinderfußball in Uruguay heißt. „Und dabei geht kaum ein Talent durchs Netz“, sagt auch Racing-Präsident Lizandro.

Danach folgt im Juniorenbereich eine intensive taktische Ausbildung, die der sportlichen Entwicklung von Talenten in Argentinien oder Brasilien in nichts nachstehe, erklärt Sauer. „Das dort erlangte Können, gepaart mit der mentalen Stärke, ist ein Erfolgsrezept.“

Vieles sprach also für eine Investition am Standort Uruguay. 2023 übernahm Red&Gold Football Anteile am Racing Club de Montevideo. Sportdirektor Cavenaghi ist zufrieden mit der offenen Kooperation. „Es gibt einen Austausch,
keine Vorgaben“, erzählt er und scheint fast überrascht zu sein von der konstruktiven Unterstützung der Red&Gold-Vertreter: „Von Deutschland und den USA können wir viel lernen. Und sie auch etwas von uns.“

Es gibt einen Austausch, keine Vorgaben. Von Deutschland und den USA können wir viel lernen. Und sie auch etwas von uns.

Fernando Cavenaghi Sportdirektor Racing de Montevideo

Offene Ohren und Lernbereitschaft

Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe betont auch Sauer auf dem Trainingsgelände. Während andere internationale Vereinsnetzwerke den Spielstil und die Philosophie unterschiedlicher Vereine anzugleichen versuchen, will R&G gerade das nicht. „Es gibt einen Grund, warum wir nach Uruguay gekommen sind. Es würde keinen Sinn machen, wenn wir die Talententwicklung vor Ort vollständig umkrempeln“, sagt Sauer. Red&Gold Football will allerdings die Infrastruktur verbessern, damit Racing auf bestmöglichem Niveau trainieren kann, und einfache Grundprinzipien vermitteln.

„Unser Rasen hier ist im Vergleich zu den meisten Fußballplätzen in Uruguay mittlerweile eine Art Allianz Arena“, lacht Fernando Cavenaghi und deutet mit dem Kinn in Richtung Spielfeld. Gerade läuft das Training des Jahrgangs 2009, die letzte Einheit vor der Sommerpause. Tadeo Baladán ist Stürmer wie einst Cavenaghi. Er fällt auf mit seinen kräftigen Waden, bewegt sich agil zwischen Verteidigern, hebt den Arm, zeigt nach vorn in die Sturmspitze, wohin der lange Ball soll. Morgen fährt der Junge zu seiner Familie nach Tacuarembó, eine Stadt weit weg in der uruguayischen Pampa. Er sagt: „Seit ich klein bin, will ich Profispieler werden. In Uruguay haben wir das im Blut.“

Aber paso a paso, Schritt für Schritt. Zunächst wird Baladán bei den Amateuren von Racing kicken. Danach in der ersten Mannschaft. Und irgendwann vielleicht in einer der großen europäischen Ligen. Dass der FC Bayern und LAFC neue Racing-Partner sind, motiviert Tadeo Baladán natürlich besonders. „Ich war schon immer ein bisschen Bayern-Fan“, sagt der 16-Jährige. „Mit meinem Vater haben wir früher die Spiele von Robben und Ribéry geguckt.“ Vielleicht landet er in ein paar Jahren auf der Außenbahn des FC Bayern.

Denn natürlich ist es das Ziel, dass irgendwann einmal ein bei Racing ausgebildeter Fußballer in der Allianz Arena oder dem BMO-Stadium auf dem Platz steht. „Aber das wird nicht in jedem Jahrgang einer sein“, sagt Sauer. Racing soll nicht nur Spieler ausbilden, sondern auch Zwischenstation für Talente aus anderen Ländern Lateinamerikas sein. Damit man zum Beispiel Brasilianer oder Ecuadorianer länger begleitet und sie an die Lebensumstände in Europa oder den USA heranführt.

Auf der grün-weißen Ersatzbank auf dem Trainingsplatz erinnert Jochen Sauer an Giovane Elber und an Uruguays Ausnahmestürmer Darwin Núñez oder Luís Suárez, die alle zunächst bei kleineren Clubs gespielt haben. „Diesen Zwischenschritt muss man grundsätzlich mit einplanen“, sagt er. Mit Red&Gold Football hat man dafür jetzt ein eigenes System geschaffen, in dem Talente sich von Racing über LA bis nach München weiterentwickeln können – oder mit einem Transferplus verkauft werden. Das ist das langfristige Ziel. Dafür will Sauer auch erfolgreiche Strukturen aus München oder LA übertragen: „Die Definition guter Jugendarbeit ist für mich klar: Einerseits geht es darum, einen Achtjährigen zehn Jahre lang so auszubilden, dass er mit 18 sehr gut ist. Andererseits zeichnet sich Jugendarbeit aber auch dadurch aus, dass ich gute Scouts habe und 16-Jährige wie Musiala nach München hole.“ Oder eben nach Montevideo.

Im Zeichen von „Mia san mia“

Auch Cavenaghi arbeitet weiter an der Zukunft. Auf dem Trainingsgelände wurden neben drei eigenen Plätzen für die Juniorenteams acht weitere angemietet, der Bau eines neuen Gyms ist in Arbeit. „Sehr einfach, nur das Nötigste“, sagt der frühere Stürmer, der in Argentinien und auch bei Girondins Bordeaux gespielt hat. Der Fokus gilt dem Sportlichen. Geld für einen Kunstrasenplatz soll erst ausgegeben werden, wenn es in der Sommerpause Einkünfte aus Spielertransfers gibt. Münchner Finanzmanagement, könnte man sagen.

Und wohin führt die gemeinsame Reise? Die Rentner-Fans Boix und Villero freuen sich, dass Racing Club de Montevideo mal wieder international spielt. Cavenaghi formuliert als sportliches Ziel für Racing, sich innerhalb der Top-Fünf in Uruguay festzusetzen. Langfristig gern auf Rang drei. Sauer denkt weiter: „Auch mal Meister werden! Warum nicht?

(Fotos: Mariana Greif)

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