01.09.2026

Afrikas Traumfabrik

Bara Sapoko Ndiaye hat es geschafft: Vertrag beim FC Bayern bis 2031. In der Akademie, die ihn in Gambia ausgebildet hat, arbeiten die Nächsten bereits an ihrem Weg in den Profifußball. Wir waren vor Ort bei den „Gambinos Stars Africa“.

An diesem Tag Mitte Mai muss Els De Smet nur vom Balkon ihres Büros blicken, um zu sehen, dass in Gambia wirklich etwas entstanden ist. Rund um den großen Kunstrasenplatz drängen sich die Menschen auf den zwei Tribünen. Selbst hinter der frisch gestrichenen weißen Mauer zur Straße stehen Dutzende Nachbarn und strecken die Köpfe. Alle wollen dabei sein, wenn bei den „Gambinos Stars Africa“ Fußball gespielt wird. Das war nicht immer so. Es hat einige Jahre gedauert, bis die Nachwuchsakademie in Mandinari wirklich angekommen ist. Bis die Menschen hier gemerkt haben, dass die Gambinos es ernst meinen. Dass sie hier wirklich etwas bewegen wollen. „Ich bin mit allem, was gerade hier bei uns passiert, sehr zufrieden“, sagt Els De Smet, CEO der Akademie.

Es ist der Finaltag des U16 Gambinos Cup. Über vier Tage sind die acht besten U16-Teams der Region auf dem Gelände der Akademie zusammengekommen. Die Gambinos wurden mit drei Siegen aus drei Spielen Gruppensieger, gewannen ihr Halbfinale souverän (5‑2) und stehen jetzt im Endspiel gegen LYDSA, den Nachwuchs des Hauptstadtclubs Real de Banjul. Vor dem Spiel wird es offiziell. Es werden Hände geschüttelt, die Nationalhymne wird gespielt. „Madame Els“, wie Els De Smet vom Stadionsprecher und von allen hier genannt wird, führt den symbolischen Anstoß aus. So viel Aufmerksamkeit mag sie eigentlich nicht. Ihr ist lieber, wenn ihre „Jungs“ im Fokus stehen. Denn nur um sie geht es ja. Um Jungs aus Gambia, die über den Fußball die Möglichkeit auf ein besseres Leben bekommen.

Ein Pool an Talenten

Wer die Gambinos besuchen möchte, fährt von Banjul rund eine Dreiviertelstunde mit dem Auto nach Süden. Gambia schmiegt sich an die beiden Ufer des gleichnamigen Flusses. Es ist das kleinste Land Afrikas, kaum größer als Niederbayern. An drei Seiten wird es vom Senegal umschlossen, im Westen ist der Atlantik. Die Ausläufer des Gambia reichen bis an das Gambinos-Gelände heran, nicht weit entfernt fließt er ins Meer. Bei Flut plätschert das Wasser gegen eine Mauer, bei Ebbe sieht man Kinder barfuß durch den Matsch laufen. Die Armut ist allgegenwärtig. Viele Häuser sehen aus wie Ruinen, im Staub neben der Straße liegt überall Müll. Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet hier eine Fußballakademie zu errichten?

Für Els De Smet ist es der perfekte Standort. Das Land sei wie ganz Westafrika fußballverrückt. Über 40 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, es gibt hier mehr junge Spieler als in Berlin, Hamburg, München und Nürnberg zusammen. Und das fußballerische Talent sei das gleiche wie im umliegenden Senegal, aus dem schon viele gute Spieler hervorgingen. „Was Gambia außerdem interessant macht, sind die Unkompliziertheit, die Stabilität und die Friedlichkeit des Landes“, sagt die 52-Jährige. „Gambia ist ein Land voller Möglichkeiten.“

Was Gambia außerdem interessant macht, sind die Unkompliziertheit, die Stabilität und die Friedlichkeit des Landes. Gambia ist ein Land voller Möglichkeiten.

Els De Smet CEO Gambinos Stars Africa

Wenn man über die Anfänge der Gambinos spricht, landet man unweigerlich bei Helmut Hack. Der ehemalige Präsident der SpVgg Greuther Fürth ist der Impulsgeber der Akademie. Sein Foto hängt an einer Wand des Hauptgebäudes. Er tat sich mit Albert Martens zusammen, einem Scout des RSC Anderlecht, um in Gambia Talente zu finden. Els De Smet war damals mit Martens verheiratet – und begleitete ihn. Sieben Jahre später ist sie immer noch da. Trotz der vielen Herausforderungen, die das Leben hier mit sich bringt. „Gambia wird die ‚smiling coast of Africa‘ genannt – das beschreibt die Menschen hier sehr gut“, findet sie. „Ich habe mich in das Land und seine Menschen verliebt – und natürlich in die Jungs in der Akademie. Sie sind ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Es ist so erfüllend.“

Die ursprüngliche Idee von Hack und Martens erwies sich schnell als zu kurz gegriffen. Man musste Talente nicht nur finden, sondern auch nach europäischen Standards ausbilden. So entstand die Gambinos-Akademie, die 2023 Kooperationspartner von Red&Gold Football wurde. Im März 2026 wurde R&G Mehrheitsgesellschafter der Gambinos Group, zu der noch zwei Ableger im Senegal und in Kamerun gehören. „Am Anfang war ich skeptisch und habe mich gefragt, was diese große Organisation mit unserer kleinen Akademie vorhat“, sagt Els De Smet, „aber ich habe schnell gemerkt: ‚Red&Gold‘ macht uns besser.“ Die Gambinos profitieren von Ideen, Wissen und Material – während „Red&Gold“ sein Netzwerk um ein etabliertes Standbein in Westafrika erweitert hat.

Stolze Großfamilie

Dawda Saine ist 16 und seit vier Jahren ein Gambino. Von der Akademie fährt man mit dem Auto eine gute halbe Stunde zu seinem Heimatdorf Tawuto. Die Familie ist im Hof unter zwei Mangobäumen versammelt. Vater Hayib, Mutter Yassin, die zweite Ehefrau des Vaters, eine Großmutter, ein Bruder, Onkel und Tanten – insgesamt 20 Personen, dazu Schafe und Hühner, die über den Hof laufen. Über offenem Feuer wird gekocht. Zur Begrüßung gibt es Ataya, gambischen grünen Tee, dreimal aufgekocht. Und den Sud aus Kinkéliba-Blättern („gut für die Verdauung“) müsse man auch unbedingt probieren, sagt Dawdas Vater Hayib. Und natürlich die Blätter („gut fürs Blut“) und die Samen des Meerrettichbaums, die eine antibakterielle Wirkung haben sollen. Hayib ist stolz auf die Kultur seines Landes – und ganz besonders auf das, was Dawda schon erreicht hat. „Mir kommen fast die Tränen“, sagt er und erzählt, dass sein Sohn schon als kleiner Junge immer da zu finden war, wo ein Ball war. „Fußball ist sein Leben.“

Dawda ist hier geboren und aufgewachsen. Sein Zimmer war ein viereckiger Verschlag mit Wellblechdach. Gekickt wurde mit den Brüdern im Hof und auf einem Sandplatz mit den Jungs aus dem Dorf. „Irgendwann gab’s den Platz nicht mehr“, erzählt Dawda, „also bin ich zu Fuß 30, 35 Minuten zum nächsten Platz gelaufen, um spielen zu können. Wenn ich spätabends nach Hause kam, meinte meine Mom immer nur: ‚Das bringt doch alles nichts. Konzentriere dich lieber auf die Schule.‘ Aber ich habe immer an meinen Träumen festgehalten.“ Auch von Fußballschuhen konnte Dawda nur träumen. Denn viel Geld gab es nicht, es reichte für die Familie gerade so zum Leben. Also spielte er meistens barfuß. Der Beste auf dem Platz war er trotzdem. „Die anderen nannten mich immer Messi“, sagt er.

Als Dawda zwölf war, erzählte ihm ein Bruder von einer Spielersichtung bei den Gambinos. „Ich wusste weder, wer die Gambinos sind noch was eine Sichtung ist“, erinnert er sich. Dawda lieh sich Fußballschuhe von einem Freund, spielte vor und überzeugte. So wurde aus Dawda ein Gambino. Er begann in der U14. Sein Vater begleitete ihn am ersten Tag zur Akademie. „Als er das Gelände sah, sagte er: ‚Das ist ein guter Ort. Hier kann dein Traum vielleicht wahr werden. Und wenn du es zu etwas gebracht hast, kannst du dich vielleicht um uns kümmern.‘ Diese Worte haben sich mir eingeprägt. Immer wenn ich spiele, denke ich an meine Familie“, erzählt Dawda.

Immer wenn ich spiele, denke ich an meine Familie.

Dawda Saine (16) Linksverteidiger Gambinos Stars Africa

Wer Dawda kennenlernt, versteht, dass Fußball in Gambia mehr ist als ein Spiel. „Fußball ist in einem so armen Land wahrscheinlich der einfachste Weg, Erfolg im Leben zu haben“, sagt Arnaud Outters. Der 27-Jährige ist Sportdirektor der Gambinos und trainiert die U19. Er trägt ein graues Shirt, auf dem steht: „Football For A Better Future“. „Es ist unglaublich“, fährt er fort, „ein einziger Spieler, der es nach Europa schafft, kann zu Hause das Leben von 60, 70 Menschen positiv verändern. Und ‚Red&Gold‘ öffnet die Tür nach Europa und Amerika.“

Fußball ist in einem so armen Land wahrscheinlich der einfachste Weg, Erfolg im Leben zu haben. Es ist unglaublich, ein einziger Spieler, der es nach Europa schafft, kann zu Hause das Leben von 60, 70 Menschen positiv verändern. Und ‚Red&Gold‘ öffnet die Tür nach Europa und Amerika.

Arnaud Outters Sportdirektor Gambinos Stars Africa

Allianz Arena-Sitze auf der Tribüne

Outters folgte zusammen mit seinem Bruder Gauthier seiner Mutter Els De Smet nach Gambia. Zusammen bauten sie die Akademie, packten selbst mit an, gossen Beton, verlegten Leitungen, vertrieben Schlangen und standen in der Regenzeit bis zum Knie im Schlamm. „Für uns ist die Akademie wie unser Kind“, sagt er. Die Infrastruktur wächst beständig. Inzwischen gibt es zusätzlich zum Hauptgebäude mit Büros, Gemeinschaftsräumen, Kabinen und den Zimmern der U19-Spieler ein eigenes Haus für die jüngeren Jahrgänge. Auf einer Tribüne wurden ausrangierte Sitze der Allianz Arena montiert. Besonders stolz ist Outters auf den neuen Echtrasenplatz. Es hat Jahre gedauert, bis es gelang, Gras anzupflanzen. Denn das salzige Flusswasser macht auch den Boden salzig. Aber der Echtrasen ist wichtig, um die jungen Spieler auf den Fußball in Europa vorzubereiten. Sonst sind sie nur Kunstrasen oder Sand gewohnt.

Rund 60 Spieler trainieren, spielen und wohnen bei den Gambinos. Im Idealfall starten sie in der U12. „So haben wir genug Zeit, erst Dinge nachzuholen und sie dann weiterzuentwickeln“, sagt Outters. Die Ausbildung findet auf mehreren Ebenen statt. Da ist natürlich der Fußball; ein moderner, offensiver Fußball: Kurzpässe, viele Zweikämpfe, Druck auf den Gegner. „Ähnlich wie Bayern unter Vincent Kompany“, sagt Outters. Dazu kommt die schulische Ausbildung. Allein schon, um den Spielern ein Fundament für die Zukunft zu geben, sollte es mit einer Fußballkarriere nicht klappen. Und dann sind da noch Themen wie Persönlichkeit und Mindset, auf die ebenfalls großer Wert gelegt wird: Bescheidenheit, Disziplin, Pünktlichkeit, Tischmanieren, sich die Hand zu geben, dem Gegenüber in die Augen zu schauen, über Gefühle zu reden und vieles mehr. „All die Dinge, die für ein Leben in Europa oder Amerika wichtig sind, versuchen wir zu vermitteln“, erklärt Outters.

Viel Aufholarbeit und Baras Beispiel

Der ganzheitliche Ansatz gehöre zur Identität der Akademie, sagt Els De Smet: „Wir haben früh erkannt, dass unsere Jungs sonst nicht genug vorbereitet sind, um nach Europa oder Amerika zu gehen.“ Weil Westafrika einfach komplett anders tickt. Die Menschen leben in Großfamilien, in denen man kaum allein ist. „Die Jungs kennen es nicht, ein Zimmer für sich zu haben oder sich in einer ruhigen Umgebung mit einem Buch hinzusetzen und sich damit zu beschäftigen, ohne unterbrochen zu werden. Auch an solchen Themen arbeiten wir.“

Das Büro von „Madame Els“ liegt in der oberen Etage des Hauptgebäudes, wo es eigentlich immer nach Essen riecht. Denn auch die offene Küche und der große Essbereich sind hier untergebracht. Ernährung ist ein großes Thema bei den Gambinos. Auch da gilt es, viel aufzuholen. Wenn ein Spieler mit elf, zwölf Jahren zur Akademie kommt, sei seine körperliche Entwicklung mit einem Siebenjährigen in Deutschland vergleichbar, sagt Els De Smet: „Das beginnt schon im Mutterleib, weil die Mutter häufig während der Schwangerschaft nicht ausreichend zu essen hatte.“ Täglich gibt es für die Gambinos daher Shakes mit Kohlenhydraten und Proteinen, um die körperliche Entwicklung zu fördern. „Manche verdoppeln sich in der Zeit bei uns.“

Wie sehr die Arbeit fruchtet, hat zuletzt das Beispiel von Bara Sapoko Ndiaye gezeigt. Im Januar lieh der FC Bayern den 18-jährigen Senegalesen aus, im April debütierte er in der Bundesliga, im Juni fuhr er zur Weltmeisterschaft, im August verpflichtete ihn der FC Bayern fest. „Als er zum ersten Mal gespielt hat, konnte ich es kaum begreifen“, erzählt Els De Smet, „ich dachte nur: Wow! Unser Junge! Passiert das gerade wirklich?“ Für die jungen Gambinos ist Bara jetzt natürlich das große Vorbild, berichtet sie: „Zu sehen, was er geschafft hat, wie er es auch geschafft hat, mit Fleiß und harter Arbeit – das ist für alle eine riesige Motivation.“

Auch für Dawda. Die vielen Zuschauer beim Finale des U16 Cups sehen ihn als schnellen und offensiven Linksverteidiger. In der zweiten Halbzeit holt er den Freistoß heraus, der im 2-1-Siegtreffer für sein Team mündet. Am Ende wird er als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Dawda strahlt: „Meine Mom ist heute da und hat zugesehen. Ich bin total happy.“ Wie es jetzt für ihn weitergeht? „Mein großer Traum ist es, irgendwann einmal in der Allianz Arena zu spielen“, sagt Dawda. Was er da noch nicht weiß: Drei Monate später, ab August, wird er mehrere Wochen lang mit der U17 des FC Bayern trainieren. Und plötzlich ist die Allianz Arena von Gambia gar nicht mehr weit entfernt.

(Fotos: Jean-Karim Dangou)

Über die Gambinos Group

Die Gambinos Group ist ein Zusammenschluss von drei Akademien: Gambinos Stars Africa (Gambia), Senegal Elite Stars (Senegal) und Phoenix Sports Association (Kamerun). Die Akademien wurden von Helmut Hack, dem ehemaligen Präsidenten der SpVgg Greuther Fürth und Vorstandsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), gegründet.

Die Gambinos Group verfolgt das Ziel, mit ihren Standorten in Gambia, Senegal und Kamerun zu einem Kompetenzzentrum für westafrikanische Talente zu werden.

Gambinos Stars Africa, Senegal Elite Stars und die Phoenix Sports Association wurden im Juli 2023 offizielle Kooperationspartner von Red&Gold Football. Seit März 2026 ist Red&Gold Football Mehrheitsgesellschafter der Gambinos Group.

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